Marc de Bel
Blinker und das bioskopische Lastenfahrrad
anrich verlag, 1994


8.

Auch für Mams war das jähe Ableben des Gartentischs kein Drama, im Gegenteil.
„Scherben bringen Glück“, meinte sie. „Du hast dir doch hoffentlich was gewünscht, heh, Blinker? Und außerdem macht Paps sicher einen neuen.“
Oma stöhnte.
Etwas gewünscht? dachte Blinker. Was ist das denn für ein Blödsinn?
Er ging in die Küche und bemerkte nicht ohne Freude, daß der Abwasch schon verschwunden war.
„Das hab ich gemacht, während du selig vor dich hingeträumt hast“, sagte Mams lächelnd. „Oder hattest du einen anderen Wunsch?“
Sie zog ihn an sich. Blinker genoß diese zufälligen Liebkosungen, obwohl er so etwas in Gegenwart von Jonas oder Ellen nie zugelassen hätte.
„Habt ihr heute nachmittag keine Probe?“ fragte Mams in sein rechtes Ohr.
„Nein, morgen erst“, antwortete er gegen ihre Schulter.
„Ich muß heute nachmittag arbeiten. Und was hast du vor?“
Mats mußte mit seinem Vater zusammen Schrott holen, Steef und Frankie sah er lieber nicht, nach dem, was heute morgen beim Teich passiert war, und Jonas ... ja, was sollte er dem erzählen, wenn er ihn sah? Er hörte wieder den zweiten Schuß.
„Ein bißchen in der Garage herumbasteln, glaube ich.“
Die Garage mit der Werkbank und den vielen Geräten von Opa wurde viel mehr von Blinker als von Paps genutzt. Der kam ab und zu und holte sich etwas, brachte das Werkzeug jedoch selten wieder zurück. Blinker ärgerte sich darüber. Paps war nicht nur superungeschickt, er war auch schrecklich schlampig.

Vor ein paar Monaten hatte Blinker in sein Tagebuch geschrieben: Das Problem mit Paps ist, daß er vor Ideen ständig überströmt, wie er selbst zu sagen pflegt. So stürzt er sich dann auch voller Begeisterung in ein Hobby nach dem anderen, doch ist der Reiz des Neuen erst mal weg, läßt er den Gegenstand seines kurzlebigen Interesses schnell verkommen. Bei manchen Sachen ist das nicht so schlimm, bei anderen schon. Seiner Sammelleidenschaft fielen nacheinander alte Ansichtskarten, Spielzeugdosen, Etiketten von Bierflaschen und Bücher über Zeichentrickfilme zum Opfer. Er spielte in der Fußballmannschaft der Dorfkneipe, war Mitglied im Schachclub, versuchte sich erst als Bierbrauer, dann als Weinbauer, hielt eine Weile tropische Fische und hätte beinahe auch noch Bienen gezüchtet. Zum Glück nur beinahe, denn sonst hätte ihn der Tierschutzverein bestimmt zu siebzehn Jahren Zwangsarbeit verdonnert. Das hätte er sicherlich auch getan, wenn er das mit grünen Algen überwucherte tropische Aquarium inspiziert hätte. Denn bei seinem Verkauf stellte sich heraus, daß der Wasserfilter mehr Fischgerippe als Reinigungssteinchen enthielt. In unvergeßlicher Erinnerung wird mir auch jene Nacht bleiben, als die Korken von vierundfünzig Flaschen Johannisbeerwein durch den Keller knallten. Mams flippte fast aus, als sie die Bescherung sah. Paps aber blieb ungerührt im Bett liegen, denn einmal in den Federn, muß schon ein Wunder geschehen, damit er wieder aufsteht. Er versprach immerhin, am nächsten Morgen einen Blick nach unten zu werfen. Das war der Tropfen, der den Keller zum Überlaufen brachte. Es war das erste Mal, daß ich Mams wirklich böse auf ihn gesehen habe. Dazu sollte ich vielleicht noch erwähnen, daß die vierundfünfzig Flaschen mit dem Korken nicht schräg nach oben, sondern nach unten lagen. Vierundfünfzig Flaschen à O,7l, das sind vierzig Liter Wein oder vier volle Eimer. Gieß die heute nacht mal in euren Keller, dann weißt du sofort, was ich meine. Hoffentlich hat deine Mutter dann nicht wie meine die Angewohnheit, große Säcke Vollkorn- und Buchweizenmehl, Reis, Linsen usw. im Keller zu lagern.
Und so könnte ich ganze Tagebücher mit den von Paps verursachten häuslichen Katastrophen füllen. Doch morgen muß ich früh raus - ich gehe mit M. und J. angeln - also krieche ich jetzt besser in die Falle.

Aber offenbar war Blinker an jenem Abend richtig in Schwung gewesen, denn er hatte noch ein kleines Stück dazugeschrieben: Angenehm ist für mich allerdings Paps' letztes Hobby, die Fotografie. Ein Nachteil dabei ist dann wieder, daß er immer mehr meine Kamera benutzt, die ich von Oma zum Geburtstag bekommen habe. Ich darf gar nicht daran denken, was er alles damit anstellen könnte. Er ist imstande, sie in Ermangelung eines Flaschenöffners dazu zu verwenden, seine Bierflaschen damit aufzufriemeln. Deshalb verstecke ich sie jetzt immer in meinem Zimmer, denn 'Gelegenheit macht Diebe', sagt ein Sprichwort. „Und das ist nur allzu wahr“, fluchte Blinker, als er die Garage betrat. Dort hatte Paps wieder fürchterlich gehaust. Was auch immer er vorgehabt hatte, es gab keine einzige Zange, keinen Schraubenschlüssel und keinen Schraubenzieher mehr, der noch am richtigen Platz hing. Seufzend begann Blinker, alles aufzuräumen. Dabei fand er unter der Werkbank einen Briefumschlag.

Als er ihn aufhob, merkte er, daß er schon aufgerissen worden war, wahrscheinlich mit einem kleinen Schraubenzieher. Der Brief, der an Oma adressiert war, lag nicht mehr darin. Omas Anschrift war mit zierlicher, energischer Handschrift mit Füller geschrieben. Name und Adresse des Absenders waren nicht angegeben.
Blinker zuckte mit den Schultern, zerknüllte den Umschlag und feuerte ihn in die Mülltonne neben der Werkbank, genau in dem Augenblick, als Mams das Garagentor nach oben zog. Sie nahm eilig ihr Rad. „Bis heute abend, Schatz“, rief sie noch im Davonfahren.
„Tschüs, Mams!“
Seit diesem Winter arbeitete Mams ab und zu in einem Gewächshaus am anderen Ende des Dorfes, nicht weit von Mats entfernt. Sie fuhr stets mit dem Rad, selbst bei Schnee und Regen.
„Räder stinken nicht“, sagte sie immer. Hinzu kam natürlich, daß sie sich gar kein eigenes Auto leisten konnten. Sie waren schon froh, daß sie auch am Wochenende den Lieferwagen benutzen durften.

9.

Blinkers Geräte standen in der hintersten Ecke der Garage, dort, wo Paps am Anfang, als sie gerade hier eingezogen waren, Küken gezüchtet hatte.
„I like a tiekenei in the morning!“ hatte er gerufen, als er stolz wie ein Hahn und total begeistert - wie immer am Anfang - mit den fünfzig gelben Flaumbällchen nach Hause gekommen war.
Doch wenig später flog das, was übrigblieb - natürliche Selektion nannte Paps die Tatsache, daß ungefähr die Hälfte der Tierchen an Unterernährung gestorben war - in der ganzen Garage herum und schiß alles voll. Selbst Paps fand nach ein paar Monaten, daß es nun langsam doch ein bißchen zu dreckig wurde, und er war es leid, den Wagen jeden Morgen abzuschrubben. Das Maß war schließlich endgültig voll, als er sich eines Morgens hinter das Steuer setzte und dabei das erste, langersehnte Ei direkt zu Omelette verarbeitete. Er hatte abends vergessen, das Fahrerfenster hochzukurbeln, und diese Tatsache hatte das einzige Huhn aus der Gesellschaft genutzt. Hühner nisten nämlich gerne kuschelig, ohne gestört zu werden. Was nicht so einfach ist, wenn man zusammen mit zwanzig jungen Hähnen in einer Garage eingesperrt ist.

Seitdem nannte Blinker jeden, der Murks machte oder etwas Dummes anstellte, 'Tiekenei'. Die 'Hühner' waren daraufhin in einem von Brennesseln überwucherten, entlegenen Winkel des Gartens gelandet, etwas später in Mams' frischgesätem Gemüsegarten, danach in der Gefriertruhe, um schließlich als Blinkers Lieblingsgericht in Stückchen geschnitten und gebraten im Reis zu enden.

Dadurch wurde in der Garage Platz frei, ideal für Blinker, um an seinen Erfindungen zu arbeiten. Er konnte stundenlang ganz allein, mit Sadee als stiller Zuschauerin, dort sitzen und 'schrauben und drehen', wie Paps es nannte. Und jedesmal kam nach einiger Zeit auch etwas dabei heraus. Wie die 'erste vollautomatische Hundebürste' zum Beispiel, für die sich Sadee immer wieder mit Vergnügen als Versuchshund zur Verfügung gestellt hatte. Oder die 'Maschine zum Kratzen an Stellen, an die man schwer drankommt', von der Paps gemeint hatte, sie müsse unverzüglich patentiert werden. Oder der 'Rollschuh für Ballerinen', den er aus einem alten Rollschuh von Ellen angefertigt und der einfach spitze ausgesehen hatte, ehe Paps ihn getestet und Mams, in seinem Versuch, sich aufrecht zu halten, ein blaues Auge geschlagen hatte.

Oma betrat die Garage. Sie guckte ihm oft zu, wenn er an seinen Erfindungen arbeitete. Dann sah sie jedesmal wieder Opa vor sich.
„Und? Klappt es?“ erkundigte sie sich.
„Ja, ganz gut, es ist fast fertig, Oma.“
„Was wird es denn diesmal?“ Sie warf einen verstohlenen Blick unter die Werkbank.
„Ach, nichts Besonderes. Etwas für die Dunkelkammer. Siehst du, wenn man hieran dreht, dann ... Heh, Oma, hörst du überhaupt zu? Was suchst du denn?“
„Äh ... nichts, oder eigentlich doch, ja ... Du hast hier nicht zufällig einen Briefumschlag gesehen?“
„Doch, den hab ich gerade in die Mülltonne geworfen, ich dachte, du brauchst ihn nicht mehr.“ Oma verschwand mit ihrem Kopf in der Mülltonne und fischte die Papierkugel heraus.
„Ich dachte mir schon, daß ich ihn hier hatte liegenlassen“, sagte sie lächelnd und verließ die Garage.
Soso, dachte Blinker, Oma kommt hierher, um heimlich ihre Briefe zu lesen. Von wem mögen sie wohl sein? Er dachte an die zierliche, energische Handschrift und lächelte amüsiert.
„Aber wir behalten es für uns, nicht wahr, Sadee“, flüsterte er.
Der Hund wedelte mit dem Schwanz, er würde es jedenfalls nicht verraten.
  ...


up
© Übersetzung Schmidt ; modified: