Koos Meinderts
Zebedäus Bär und die Reise ans Ende der Welt
Benziger Edition, 1993


KAPITEL 7 : Naschen ist gesund

in dem sich Zebedäus Bär um seine Freundin fürs Leben Sorgen macht und ihr postwendend ein Telegramm schickt.

Zebedäus Bär war schon ein paar Tage auf Weltreise, und bis jetzt hatte er das Ende noch nicht gefunden. Nur gut, daß er einen Zettel an seine Tür geheftet hatte. Seine Freunde und Bekannten würden sich sonst bestimmt Sorgen machen. Vor allem Ada, seine Freundin fürs Leben, war in so was unheimlich gut. Die hatte echt Talent dafür. Er hatte in seinem ganzen Leben noch niemanden getroffen, der sich so gut Sorgen machen konnte wie Ada. Und wenn sie keine Sorgen hatte, dann machte sie sich welche. Worüber, war egal. Wenn sie nur Sorgen hatte. Denn dann durfte sie naschen.

Naschen hilft gegen Sorgen, behauptete sie immer. Und Naschen war auch gut für die Nerven und gegen Panik. Und Unzufriedenheit. Und Unglücklichsein. Und Einsamkeit. Und Angst. Und Langeweile. Wenn man richtig darüber nachdachte, war Naschen also sehr gesund. Nur schade, daß man davon so dick wurde. Sonst würde sie noch viel mehr naschen und nicht so oft damit aufhören.

Zebedäus verlangsamte seinen Schritt und dachte an seinen letzten Besuch bei seiner Freundin fürs Leben. Als sie so tapfer aus eigener Kraft versucht hatte, mit dem Naschen aufzuhören.
„Heute höre ich mit dem Naschen auf“, hatte Ada stolz verkündet, kaum daß er im Flur stand. Zebedäus hatte seinen Ohren nicht getraut. Ada wollte aufhören zu naschen? Gleich heute noch? Ada hörte öfter mal mit dem Naschen auf, aber immer erst am nächsten Tag oder in der nächsten Woche. Nie am selben Tag. Zebedäus würde sie doch nicht falsch verstanden haben?

„Hörst du wirklich auf?“ fragte Zebedäus. „Gleich heute?“
„Ich wollte gerade damit anfangen“, hatte Ada erklärt und ihn ins Wohnzimmer geführt. Tatsächlich, Zebedäus hatte sie richtig verstanden. Der ganze Inhalt ihres Süßigkeitenschranks lag auf dem Tisch: Lutscher, Sahnebonbons, Lakritzstangen, Mausespeck, Katzenpfötchen, Gummibärchen ... Bereit, um weggeworfen zu werden. Wer hätte das je für möglich gehalten?
„Ada“, rief Zebedäus, „ich bin stolz auf dich.“
„Ach“, sagte Ada bescheiden.
Aber Zebedäus meinte es so. Jemand, der naschsüchtig war und vom einen Augenblick auf den anderen damit aufhörte, der bot eine große Leistung. Vergleichbar mit dem ersten Schritt auf dem Mond oder der Entdeckung vom Ende der Welt.
„Es ist nur eine Frage der Willenskraft“, hatte Ada erklärt und sich einen Mausespeck ins Maul gesteckt.
„Ada!“ rief Zebedäus. „Was machst du denn da?“
„Ich biete eine große Leistung.“
„Du ißt einen Mausespeck!“
„Was für eine Willenskraft, he?“ Ada leckte sich den Puderzucker von der Schnauze.

Zebedäus verstand gar nichts mehr. „Du wolltest doch aufhören zu naschen!“
„Das siehst du doch!“ rief Ada.
„Das sehe ich nicht“, widersprach Zebedäus.
„Guck doch“, schmatzte Ada und stopfte sich eine Handvoll Gummibärchen ins Maul.
„Nennst du das etwa aufhören zu naschen?“
Ada nickte.
„Nennst du das nicht eher weiternaschen?“
Ada schüttelte den Kopf und stopfte sich erst die linke und dann die rechte Backe voll mit Süßigkeiten.

Zebedäus wußte zwar, daß Ada gerne naschte, aber nicht, daß es so schlimm mit ihr war. Da naschte sie in aller Ruhe und behauptete gleichzeitig steif und fest, sie hätte gerade damit aufgehört. Was war Naschsucht doch schlimm. Es erinnerte Zebedäus an das Gedicht von der 'Naschkatze von Miezmaunzmeben.' Vielleicht hörte Ada ja mit dem Naschen auf, wenn er es laut vortrug:

Die Naschkatze von Miezmaunzmeben
Konnt’ ohne Süßes nicht mehr leben.
Alles Geld, das sie besaß,
sie mit Mausespeck verfraß.

Eines Tages dann, oh Schreck,
war ihr ganzer Reichtum weg!
Da saß sie nun und weinte laut huhu!
Die Sucht nach Süßem ließ ihr keine Ruh’.

Was mach ich nur, miau, miau?
Ach, weißt du was, ich geh auf Klau.
Und mit dem Messer in der Kralle,
lockt sie andre in die Falle.

Raubt ihnen alles Geld und Schmuck,
läuft damit dann ins Dorf ruck, zuck,
und kauft sich fix schleck, schleck!
Ganz schnell neuen Mausespeck.

„Toll, Zebbie“, lobte Ada. „Du kannst wirklich großartig vortragen.“
„Danke“, sagte Zebedäus. „Aber wie findest du das Gedicht selbst?“
„Auch hübsch“, sagte Ada. „Es reimt sich so schön, findest du nicht?“
„Aber der Inhalt? Wie findest du den Inhalt?“
„Nett, vielleicht ein bißchen übertrieben, aber sonst unheimlich lustig.“
„Lustig?“
„Ja, ich sehe es richtig vor mir. Die Naschkatze mit einem Riesenberg Mausespeck vor sich!“
„Aber hast du denn gar keine Angst, daß du eines Tages auch zu stehlen anfängst?“
„Ich?“ fragte Ada. „Wieso sollte ich. Ich bin doch nicht süchtig.“
„Ach nein?“
„Nein. Wie du siehst, höre ich gerade mit dem Naschen auf“, sagte Ada und kringelte ihre Zunge um einen Lutscher.
„Jetzt hör mal zu, Ada. Was schleckst du denn da gerade?“
„Einen Lutscher.“
„Ein Lutscher ist doch etwas Süßes?“
Ada nickte.
„Aber dann nascht du doch noch immer?“

Ada wurde allmählich ein bißchen böse. „Ich nasche nicht“, widersprach sie. „Wäre es nur so. Naschen ist lecker, und das hier ist Sünde.“
„Aber wenn du nicht nascht, was machst du dann?“
„Ich vernichte meinen Süßigkeitenvorrat.“
„Aber dann kannst du ihn doch besser wegwerfen“, meinte Zebedäus. „In den Papierkorb oder so.“
„Das hilft nichts“, sagte Ada. „Da hole ich ihn gleich wieder raus. Nein, ich muß versuchen, ihn ganz loszuwerden.“
„Und deshalb ißt du alles auf?“
„Ich sehe keine andere Möglichkeit“, sagte Ada und guckte, ob ihr Lutscher schon dünn genug war, um ihn zwischen den Zähnen zu zerknacken.

Zebedäus errötete. Er schämte sich, daß er seiner Freundin fürs Leben nicht sofort geglaubt hatte. Wie konnte er das wieder gutmachen?
Zebedäus blickte auf die Süßigkeiten auf dem Tisch. Es waren noch nicht viel weniger geworden. Ada hatte aber auch immer so entsetzlich viel Süßes im Haus. Sie würde noch eine Weile beschäftigt sein, bis alles weg war. Weißt du etwas, weißt du schon viel, dachte Zebedäus. Ich helfe ihr ein bißchen. Er grapschte sich eine Tatze voll Süßigkeiten vom Tisch und wollte gerade alles auf einmal ins Maul stopfen, als Ada ihn zurückhielt.

„Gib her!“ befahl sie wütend.
„Aber Ada, ich wollte dir doch nur helfen!“
„Nennst du das vielleicht helfen? Deiner besten Freundin Süßigkeiten zu mopsen?“
„Ich wollte dir nichts mopsen, ich wollte dir nur helfen aufzuhören!“
„Das ist schrecklich lieb von dir, Zebbie“, bedankte sich Ada. „Aber es ist besser, wenn ich es ganz alleine mache. Aus eigener Kraft.“
„Findest du das denn nicht schrecklich schwer?“ fragte Zebedäus.
„Es ist in der Tat nicht einfach“, seufzte Ada.
„Darf ich dir nicht wenigstens ein klitzekleines bißchen helfen?“ fragte Zebedäus und zeigte auf einen besonders leckeren Karamelbonbon.
„Nein, nicht mal ein klitzekleines bißchen, Zebbie“, sagte Ada und steckte sich den Karamelbonbon ins Maul.

Eine halbe Stunde lang saß Zebedäus da und sah zu, wie Ada schmatzend dabei war, mit dem Naschen aufzuhören. Ihm lief das Wasser im Maul zusammen. Doch plötzlich sah er seine Freundin fürs Leben erschrocken an.
„Ada!“ rief er. „Du bist ja ganz grün im Gesicht.“
„Mir ist schlecht“, gab Ada zu.
„Wie schade“, sagte Zebedäus. „Du warst gerade so schön in Fahrt mit dem Aufhören.“
„Ich glaube, ich gehe ins Bett“, murmelte Ada mit schwacher Stimme.
Zebedäus half ihr die Treppe hoch und deckte sie fürsorglich zu. Nur ihre gelblichgrüne Schnauze guckte noch heraus. Er drückte einen Kuß darauf und schlich leise aus dem Zimmer.

Unten im Wohnzimmer hatte er einen noch einen kurzen Brief geschrieben:

Liebe Ada,
gute Besserung.
Mach auf jeden Fall weiter mit dem Aufhören (wenn es Dir wieder besser geht).
Ich bin stolz auf Dich.
Küßchen, Zebbie.

Zebedäus sah Ada wieder vor sich. Mit ihrer gelblichgrünen Schnauze, die gerade noch unter der Decke hervorguckte. Er wurde nachdenklich. War es wirklich eine gute Idee gewesen, mit dem Naschen aufzuhören? „Naschen ist gesund“, sagte Ada immer. Und mit etwas Gesundem durfte man nicht aufhören! Davon wurde man krank, das hatten sie selbst gesehen. Nein, Ada mußte sofort wieder anfangen zu naschen.
Zebedäus setzte sich an den Wegesrand und holte das Notizbuch und den Bleistift aus seinem Rucksack. Er würde Ada einen Brief schreiben. Jetzt sofort. Vielleicht war es noch nicht zu spät.

Liebe Ada,
wie geht es Dir? Mir geht es gut.
Aber ich mache mir Sorgen. Um Dich.
Nascht du auch genug?
Du darfst auf keinen Fall damit aufhören! Sonst wirst Du ganz grün im Gesicht, und dann wird Dir schlecht, und dann bist Du krank. Und dann tust Du mir so leid .
Versprichst Du mir, daß Du nie aufhörst zu naschen?
Und wenn Du es nicht für Dich tust, dann tu es für mich.

Zebbie, Dein Freund fürs Leben.

P.S. Ich weiß, daß man vom Naschen dick wird. Aber ich finde eine dicke Ada nicht schlimm. Es steht Dir gut, und außerdem kann es von Dir gar nicht genug geben.

Zebedäus faltete den Brief zusammen und stand auf. Wo war das nächste Postamt? Der Brief mußte Ada so schnell wie möglich erreichen. Er sah sich um. Weit und breit kein Postamt oder Briefkasten zu sehen. Zebedäus hielt ein Schaf auf einem Fahrrad an.
„Suchen Sie etwas?“ fragte das Schaf.
„Das Ende der Welt“, antwortete Zebedäus. „Aber vorläufig bin ich schon froh, wenn ich das Postamt gefunden habe.“
„Das Postamt?“
„Es geht um Leben und Tod“, erklärte Zebedäus.
„Und Sie sind sicher, daß Sie das Postamt suchen?“
„Ganz sicher.“ Zebedäus nickte. „Dieser Brief muß postwendend an meine Freundin fürs Leben geschickt werden.“
„Dann springen Sie auf meinen Gepäckträger“, sagte das Schaf, aber Zebedäus bestand darauf, selbst zu radeln.
„Sie müssen mir nur sagen, wie ich fahren soll“, sagte Zebedäus.
„Erst mal geradeaus“, sagte das Schaf und nahm auf dem Gepäckträger Platz.
Zebedäus stellte sich auf die Pedale und schoß davon.

Nach den Anweisungen des Schafs fuhr Zebedäus geradeaus und nach links und nach rechts und wieder geradeaus und um die Kurve, bis er schließlich am Ende einer schmalen Straße genau auf das Postamt zufuhr. Er bremste, bedankte sich bei dem Schaf, betrat das Gebäude und rannte zum Schalter für Eilzustellungen.
„Ich habe hier einen Eilbrief“, keuchte er. „Es geht um Leben und Tod.“
„Dann schicken Sie besser ein Telegramm“, meinte der Mann hinter dem Schalter. „Ein Telegramm geht dreimal so schnell.“
Er nahm ein Formular, setzte seine Schreib- und Lesebrille auf und sagte: „Schießen Sie los, aber halten Sie es kurz.“

„Liebe Ada“, fing Zebedäus an.
„Sollen wir daraus vielleicht Ada machen?“ schlug der Schalterbeamte vor. „Ich nehme an, sie weiß, daß Sie sie lieb finden.“
„Ich bin ihr bester Freund“, erzählte Zebedäus stolz.
„Sieh mal einer an“, sagte der Schalterbeamte. „Und wie geht es weiter?
„Mit uns?“
„Mit dem Telegramm!“

Zebedäus dachte einen Augenblick nach. Er mußte versuchen, den Brief in einem kurzen Satz zusammenzufassen. Er faltete den Brief auf und fing leise an zu lesen.
„Wissen Sie es schon?“ fragte der Schalterbeamte.
„Naschen ist gesund!“ sagte Zebedäus.
Der Schalterbeamte musterte ihn über den Rand seiner Lesebrille. „Sind Sie sicher?“ fragte er.
„Ganz sicher! Naschen ist gesund.“
Der Schalterbeamte zog die Augenbrauen hoch und füllte das Formular aus. „Absender?“
„Zebedäus Bär, aber schreiben Sie ruhig Zebbie, das ist kürzer und klingt herzlicher.“
„Zebbie“, wiederholte der Schalterbeamte und gab Zebedäus das Formular. „Würden Sie es bitte auf eventuelle Fehler nachprüfen?“

Zebedäus nahm das Formular und las:

ADA-STOP-NASCHEN IST GESUND-STOP-ZEBBIE-STOP.

„Ja, völlig richtig“, sagte Zebedäus. „Nur steht dreimal Stop drin.“
„Und was ist daran verkehrt?“
„Alles“, sagte Zebedäus. Er nahm seinen Bleistift und veränderte das Telegramm in:

ADA- MACH WEITER- NASCHEN IST GESUND- MACH WEITER- ZEBBIE- MACH WEITER.
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© Übersetzung Schmidt ; modified: