Anne Provoost
Fallen
anrich verlag, 1996


Als Caitlin nach Hause gebracht wird, stehe ich an der Straße. Keiner hat mir erzählt, wann sie aus dem Krankenhaus entlassen wird, aber ich habe eine Vorahnung und stehe schon den ganzen Morgen da. Ich schlendere ein bißchen herum, knipse mit meinen kaum verheilten Fingern die verblühten Geranienköpfe auf den Fensterbänken ab und rolle die Grashalme, die durch den Regen ihre grüne Farbe wiedergewonnen haben, unter meinen Schuhsohlen zu braunen Würstchen. Durch die dichte Wolkendecke sieht es aus, als stünden das mit Kletterrosen bewachsene Haus und das Kloster weiter unten unter einer riesigen, wasserdichten Zeltplane. Am meisten fallen die offenen Fensterläden auf. Den ganzen Sommer waren sie geschlossen, um die Sonne abzuhalten. Jetzt weht die feuchte Luft in die Zimmer.

Als der Krankenwagen vorbeifährt, stehe ich mit dem Rücken zum Haus an der Innenseite der Kurve. Durch den Wind und das Rauschen der Bäume habe ich ihn nicht kommen hören. Langsam kriecht er im zweiten Gang den Hügel herauf, mit tief brummendem Motor, und ich habe reichlich Zeit, einen Blick ins Wageninnere zu werfen. Caitlin liegt nicht mehr hinten auf der Trage wie vor drei Wochen, als sie mit heulenden Sirenen abtransportiert wurde. Sie sitzt mit selbstbewußtem Gesicht neben dem Fahrer, als wäre sie es gewohnt, im Krankenwagen zu reisen. („Ich werde nicht schlau aus dir“, habe ich einmal zu ihr gesagt, worauf sie sich mit einer Vierteldrehung zu mir umwandte und antwortete: „Wenn du ständig den Wohnort wechseln mußt, schließt man keine Freundschaften mehr.“)

Vorsichtig nimmt der Krankenwagen die Kurve. Ich folge ihm nicht nur mit den Augen und dem Kopf, sondern mit dem ganzen Körper, indem ich mich langsam um die eigene Achse drehe, mit hängenden Armen, das Kinn ein wenig vorgeschoben. Ehe ich es richtig merke, sehen wir uns in die Augen. Ich will nicken, die Augen schnell schließen und wieder öffnen oder etwas rufen, aber mein Gesicht erstarrt. Sie schaut mich an wie ein vorbeigleitendes Gebäude oder einen unbekannten Spaziergänger, den man nicht weiter beachtet. Wie sie dasitzt, aufrecht und mit gestrecktem Hals wie manche Wasservögel kurz vor dem Aufsteigen, sieht sie nicht anders aus als sonst, abgesehen von der gelblichen Gesichtsfarbe. Ich weiß, wie sie redet und sich bewegt, wenn sie etwas sagt. Ich sehe vor mir, wie sie nach etwas schaut, mit den Augen blinzelt, sich umdreht und fragt: „Was hast du gesagt?“ Wie sie dasitzt, sieht sie aus wie ein ganz normales Mädchen, ein Mädchen, das den Hügel hinunterradelt und zu Fuß wieder hochsteigt, ein Mädchen, das sich an warmen Tagen bis zu den Knien in den Teich stellt, um sich plötzlich mit einem Schrei der Länge nach ins Wasser fallen zu lassen, ein Mädchen, das „Mist, die Bremse funktioniert nicht!“ ruft, wenn sie, ohne daß ihre Mutter es weiß, mit dem Auto eine Fahrt durch die Hügel macht.

Unser Blickkontakt dauert nicht länger als eine halbe Sekunde - mein Blick springt sofort auf einen Punkt in der Ferne, und sie schaut auf die Fahrbahndecke - aber es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Mir wird vollkommen bewußt, wie ich dastehe, in Jeans, mit nackten Füßen in den Schuhen und den Hals gestreckt, damit ich sie richtig sehe. Meine Hände stecken an ein paar Stellen noch im Verband. Ich reibe die Finger übereinander, um den Schmerz zu fühlen, doch die Wunden sind trocken und fast alle verheilt. Ich spüre nur eine Art Gefühllosigkeit um die Nägel herum und eine samtige Überempfindlichkeit an den Stellen, wo neue Haut gewachsen ist. Und plötzlich weiß ich, warum ich hier so öffentlich stehe: Ich will den Eindruck erwecken, als würde ich mich für das, was ich getan habe, nicht schämen.

Sobald der weiße Wagen hinter den Bäumen verschwunden ist, laufe ich ums Haus. Schweigend gehe ich an meiner Mutter vorbei, die gerade die Gartenstühle unter das Vordach stellt und die Kissen mit einer Plastikplane abdeckt. Als ich drinnen bin, renne ich durchs Hinterhaus die Treppe hinauf und weiter zu dem Schlafzimmer, das früher einmal meinem Großvater gehört hat. Ich schließe die Tür hinter mir, und als ich höre, daß meine Mutter ins Haus kommt, drehe ich den Schlüssel um. Die beiden Reisekoffer, in denen ich früher am Morgen mein Ferienzeug verstaut habe, stehen mitten im Zimmer. Ich hebe sie hoch und stelle sie an die Wand. Anschließend versuche ich, den Schreibtisch geräuschlos unter das Dachfenster zu schieben, doch der Bretterboden ist uneben und der Tisch schwer. Die Füße machen ein kratzendes Geräusch. Ich klettere hinauf und schaue durch die Lücke im Blattwerk auf den Klosterhof hinunter.

Ich bin noch rechtzeitig. Der Krankenwagen fährt gerade durch das Tor, wird langsamer und hält an. Der Sanitäter steigt aus, er springt fast, als wollte er zeigen, wie gesund er ist. Halb hopsend läuft er um den Wagen herum und öffnet Caitlins Tür. Zuerst holt er zwei graue Krücken heraus, die er an die geöffnete Wagentür lehnt. Dann hölt er seinen linken Arm hin. Auf seinem weißen Ärmel erscheint Caitlins Hand. Beim Anblick der Hand, die sich zum Ärmel bewegt, richten sich meine Nackenhaare auf. Einen Augenblick ist es, als würde ich ihre Finger auf meinem Arm spüren. Ich weiß, daß ihre Hände nie schwitzig sind, immer trocken und kühl, als würde sie sie regelmäßig unter kaltes Wasser halten; ich habe sie fast jeden Tag berührt, jedesmal, wenn wir über den Hirtenpfad zur Unterstadt gingen und den Weg abkürzten, indem wir über den Felsen von Challon kletterten.

Er hilft ihr beim Aussteigen. Solange sie damit beschäftigt ist, sich mühsam aus dem Fahrzeug zu heben, sehe ich nichts Ungewöhnliches. Ein paar Sekunden lang glaube ich, daß doch noch alles gut geworden ist. Aber dann macht sie eine Vierteldrehung. Sie steht mit dem Gesicht zu mir, wirft den Kopf leicht nach hinten und bleibt einen Augenblick reglos stehen. Sie weiß natürlich, daß ich auf den Tisch geklettert bin und zu ihr hinunterschaue. Die Entfernung ist zu groß, um den Ausdruck auf ihrem Gesicht zu erkennen. Es fängt leise an zu regnen. Wie aus Versehen kommt ein Schwarm Tauben angeweht, der ein paar Meter hinter ihr eine holprige Landung macht. Sie nimmt unter jeden Arm eine Krücke und setzt die Beine etwas auseinander. Jetzt sehe ich deutlich, daß ihr linker Fuß weg ist.
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© Übersetzung Schmidt ; modified: