Anne Provoost
Flutzeit
Altberliner Verlag, 2003


Begegnung mit Ham

Die Sonne hatte gerade erst den Zenit überschritten, als ich wieder zur Spantenbiegerei kam, den Krug bleischwer an meinem Arm. Meine Mutter war weg. Die Stelle, an der ich sie zurückgelassen hatte, war zerwühlt und ihre Wolldecke lag zerknittert zwischen dem Gerümpel. Mein Vater ist zurück, war mein erster Gedanke, doch dass er sie mitnehmen würde, ohne ein Zeichen für mich zu hinterlassen, war undenkbar. Außerdem verlief die Furche im Staub im Zickzack, nicht entschlossen geradeaus, wie bei jemandem, der wusste, wohin er ging. Meine Gedanken rasten wie Flammen durchs Heu. Wer war mit ihr auf und davon gegangen? Wer entführte eine Lahme und wie befreite er sich je von seiner Scham über so viel Feigheit? Meine Mutter war makellos schön und prächtig geschmückt, doch durch ihre Unbeweglichkeit so nutzlos, dass noch nie einer auf den Gedanken gekommen war, sie mitzunehmen.

Die Spur führte zwischen den Feuern entlang zu einer langen Baracke, die angesichts der Gegenstände, die nach draußen gebracht wurden, eine Schreinerei zu sein schien. Ich folgte ihr im Laufschritt, es kümmerte mich kaum, dass ein Teil des guten Wassers, das ich gefunden hatte,aus meinem Krug schwappte.

Seitlich der Baracke fand ich sie. Sie war in Gesellschaft eines jungen Mannes, den ich, noch bevor ich sein Gesicht sah, an dem gestreiften Gewand und der Sägespäne in seinen Haaren erkannte. Um zu ihr zu gelangen, lief ich noch schneller. Zumindest dachte ich das, doch wer mich beobachtete, sah mich vermutlich nur stolpern, während der Krug auf meiner linken Hüfte hin und her hüpfte. Ich hatte ihn schon vor mir her getragen, auf dem Kopf und auf meiner anderen Hüfte. Jetzt konnte ich nicht mehr. Ich ließ den Krug neben die Trage fallen, eine Bewegung, die den jungen Mann hochschnellen ließ. Dann sank ich wie ein Klotz zu Boden, erschöpft, aber auch erleichtert. Sie war hier, sie war in Sicherheit, wir waren nicht von jemandem zum Narren gehalten worden, der mit ihr wie mit einer Puppe spielen wollte. Doch meine Erleichterung schwand, als ich sah, dass es ihr nicht gut ging. Ihr Blick war matt vor Entbehrung. Ihre Karneolperlen brannten auf einer Haut, die gegerbt schien, sie war über das Schwitzen hinaus; ich konnte ihre Liegewunden riechen.
»Sie hat Durst«, sagte ich, ohne zu dem jungen Mann aufzuschauen, den ich für alles verantwortlich machte. Meine Stimme klang eigenartig, sicher von dem kalten Wasser, wovon ich reichlich getrunken hatte. Der Junge rückte zur Seite und senkte den Kopf.
»Ich habe ihr die Werft gezeigt«, sagte er.
»Ich habe ihr zu trinken angeboten … sie antwortete nicht …«
Er schien zu begreifen, dass es seine Schuld war, die Schamröte zog sich bis hinunter zu seinem Hals. Neben ihm stand ein schlanker, in den Wind schnüffelnder Hund. Das Tier hatte ihr das Gesicht geleckt, ich sah es an den Streifen auf ihren Wangen. Außerdem war ein Griff der Trage beschädigt. Als ich den Krug auf das Ende der Trage stellte, riss sie ihr Auge auf, ihre Haut zitterte, ich konnte ihre Lippen gar nicht schnell genug befeuchten.
»Hab keine Angst«, sagte ich,
»alles wird wieder gut.«
Nur ihr gegenüber war ich ruhig und beherrscht. Zu dem Jungen sagte ich:
»Warum hast du sie von ihrem Platz weggebracht? Dort lag sie geschützt.«
Er zog die Schultern zurück. Sein Mantel war ihm zu weit und behinderte seine langen Arme und Beine.
»Sie ist die Frau des Schiffsbauers, den ich suche. Ich hoffte, sie würde mir helfen. Was ist mit ihr?«
»Sie wurde lahm, als sie fischte.«

Er streckte seine Hand nach dem Hund aus und strich ihm über den Kopf. Ich ließ etwas Wasser in den Mund meiner Mutter laufen. Sie schluckte und sah mich an. Es war gutes Wasser, das wusste ich. Doch es war auch das Wasser der Toten, deshalb gab ich ihr nicht mehr als nötig. Mit ihrem Blick bat sie um mehr, ihre Haut glühte, sie war lange und schutzlos Sonne und Wind ausgesetzt gewesen, doch ich hatte mir schon auf dem Rückweg überlegt, dass es vorläufig sicherer war, sie damit zu waschen, als es ihr zu trinken zu geben, deshalb stand ich auf, um sie zum Tümpel zu bringen.
»Hilf mir mal, sie fortzubewegen«, sagte ich.

Der Junge erschrak über die Aufforderung, doch als erschiene es ihm nur billig, stand er auf und ergriff die schwere Seite der Trage, die mit dem Krug. Ich ging an der Vorderseite, mit dem Rücken zu ihm. Ich hörte, wie sein Atem pfiff. Der Windhund folgte uns in kurzer Entfernung. Ab und zu lief er zu dem Jungen, doch nie bis zu mir.

Ich wusste sehr gut, dass es sich nicht gehörte, auf dieser Werft schleppte ein Mann keine Tragen oder Krüge herum. Die Vorübergehenden schauten uns an und schnell wieder weg, der beste Beweis dafür, dass sie das, was sie sahen, beunruhigte. Seine Bereitschaft, mich trotz der Blicke zu begleiten, stimmte mich mild. Es war natürlich auch schön, dass meine Mutter und ich von den Sümpfen hierher gekommen waren, damit uns der Sohn des Baumeisters half.

Wir erreichten den Tümpel, an dem gerade eine kleine Ziegenherde trank. Doch die Tiere hatten schnell genug und ich konnte mich an die Arbeit machen. Ich füllte eine Mulde von der richtigen Größe mit dem feinsten Sand, den ich finden konnte, breitete die Decke darüber aus und rollte meine Mutter von der Trage. In eine Schüssel, die jemand wegen eines kleinen Sprungs zurückgelassen hatte, goss ich das Wasser aus dem Krug. Dann setzte ich mich rittlings auf ihre Hüften.

Der Hund stand dicht neben mir. Das Tier roch natürlich mein Öl, das mit Myrrhe, Zimt, Kalmus und Kassia vermischt war, nach einem alten Rezept, das über Manilada und Kan an mich weitergegeben worden war. Der Hund war ausgemergelt, seine Lenden waren fast durchsichtig und auf seinen langen Beinen schwankte er hin und her wie eine Mücke im Wind. Er wirkte genauso unterernährt wie sein Herr, scheu und mager wie eine Heuschrecke.

Sein Atem störte meine Mutter im Gesicht, doch sie ließ sich nichts anmerken und schaute gerade nach oben, ihr Blick wie immer auf der Suche nach vorüberfliegenden Vögeln. Mit der Aufmerksamkeit eines Kindes beobachtete der Sohn des Bauherrn meine Handlungen. Das Wasser, das ich tassenweise über meine Mutter goss, lief von ihr hinunter und versickerte in der Decke. Ich knotete mir immer wieder neue Zipfel meines Lappens um den Zeigefinger und strich damit über ihren Körper. Dies war der Teil, der wegen der Empfindlichkeit ihrer schlecht durchbluteten Haut Geduld, Genauigkeit und Vorsicht erforderte. Hier, so nah am Tümpel, war es zum Glück kühler. Doch überall saßen Fliegen und Bremsen, der Geruch meines Wassers schien sie verrückt zu machen.

»Warum hält dein Vater sie am Leben?«, fragte er, als ich mit dem gewissenhaften Waschen fertig war.
»Warum eine Frau mitschleppen, die sich nicht bewegt, wenn man es ihr befiehlt?«
Er hatte sich neben mich gekniet.
»Sie ist uns lieb und teuer«, antwortete ich und begann mit dem Öl. Die Haut nahm die Flüssigkeit auf und erwachte langsam zum Leben. Der Junge schaute mit offenem Mund zu, mit einem Blick, der das Blut meiner Mutter schneller hätte strömen lassen, wäre sie nicht so stolz gewesen. Sein Erstaunen war verständlich, meine Mutter war schön. Sie glänzte wie eine frisch ausgeschälte Nuss. Ihre Haut war dunkel, aber ebenmäßig und nur durch die Liegewunden auf ihrem Rücken verunstaltet. Er betrachtete ihren Hals und ihre Brüste, dieser Junge, der keine Nacktheit gewöhnt war. Ab und zu hob er die Hand, als wolle er sie berühren.

Ich wusste damals noch nicht, mit was für einem Menschen ich es zu tun hatte. Ich wusste nur, dass er der Sohn des Bauherrn war und dass er für die Schreinerarbeiten die Verantwortung auf sich genommen hatte. Doch ich kannte noch nicht seine Vorliebe für Mandeln, seine Fähigkeit, selbst an den heißesten Tagen in einem geschlossenen Raum durchzuarbeiten, oder seine zarten, von der Arbeit kaum schwieligen Fingerspitzen. Ich vernahm schon bald, dass er Ham hieß und der Jüngste der drei Brüder war, doch von dem Rest ahnte ich nichts. Deshalb erzählte ich ihm nicht, dass meine liegende Mutter über die laufende hinausgewachsen war, dass es zwischen den beiden keinen Unterschied mehr gab. Die Erinnerung an ihre Bewegung war ihre Bewegung, die Erinnerung an ihre Güte war ihre Güte, das machte es unmöglich, nicht für sie zu sorgen. Ich erwartete auch nicht, dass er es verstand, Verständnis hatten wir nirgends gefunden, warum also hier?
»Mein Vater wird nicht bei dir erscheinen«, sagte ich nur.
»Er will zurück zu den Sümpfen von Kanaan.«
»Warum will er weg?«
Sein Atem pfiff auch, wenn er sich nicht anstrengte. Das Geräusch kam aus der Tiefe seines Körpers und glich einem zweiten Gespräch, einer unterdrückten Unterhaltung, die er mit dem Hund führte.
»Seiner Meinung nach ist das hier kein ernst zu nehmendes Vorhaben«, antwortete ich.

Er drückte seine Hände in den Schutt unter ihm. Sein Mantel war am Hals zerrissen, ich konnte seine Schlüsselbeine und seine Haut sehen, und den Brustkasten, der unbehaart und glatt war. Er war gewaschen, aber nicht geölt, und es war vor allem der Mantel, der ihn dreckig erscheinen ließ: Er hatte Flecken und die Streifen am Saum waren vor Schmutz nicht mehr zu erkennen.
»Er wird mit den schönsten Holzarten arbeiten. Ich gebe ihm Werkzeug, das von den besten Schmieden angefertigt wurde. Und weit gehende Freiheit.«
»Ich werde es ihm ausrichten«, sagte ich.

Die Leute, die vorbeigingen, gafften noch immer, ich wusste nicht, ob nach mir oder ihm oder weil er bei mir war. Der Junge senkte seine Stimme, jetzt flüsterte er fast. Er hob die Hand bis zur Schulter. Der Ärmel fiel auf seinen Ellbogen. Er hatte weiße, unbehaarte Unterarme mit tief liegenden Adern und Fingerkuppen, die sich an den Nägeln verbreiterten.

»Wir sind steuerlos. Mein alter Vater ist krank. Solange er die Führung übernommen hatte, ging es gut. Doch jetzt müssen wir ohne ihn auskommen. Was wissen wir, die hier in der Wüste aufgewachsen sind, von Schiffen? Mein Vorarbeiter hilft mir nicht weiter. Weil er ein Mal auf einem Bootssteg gestanden hat, nennt er sich Fachmann. Ich suche jemanden, der wirklich weiß, wie es geht. Ich werde auf deinen Vater warten. Ich warte schon sehr lange auf ihn.«
Er strich sich gedankenlos über das Kinn und den Übergang zu seinem Hals. Ich sah es, ohne richtig hinzuschauen.

Da er in meinem Alter war und da er mit meiner Mutter unvorsichtig gewesen war, erlaubte ich mir zu sagen:
»Ein Mann beginnt mit dem Bau eines riesigen Schiffes. Dann wird er krank. Keiner weiß, wie es weitergehen soll. Trotzdem wird weitergearbeitet. Warum nicht warten, bis es dem alten Mann wieder besser geht? Oder bis er stirbt?«
»Mach keine Scherze«, sagte er.
»Unterschätze uns nicht. Wir wissen genau, was wir tun. Wir können den Bau nicht abbrechen. Dazu ist keine Zeit. Seine Vollendung ist höchst dringend.«

Ich lachte, wie man ein Kind anlacht, das Märchen erzählt. Er hätte mir den Rücken zukehren können. Ich war eine Fremde auf seinem Terrain und er der Sohn eines angesehenen Mannes. Doch er ging nicht weg. Er sah zu, wie ich meine Mutter einölte. Durch seinen Blick war es anders als sonst, in meinen Fingerspitzen war mehr Gefühl. Denn er betrachtete auch mich, mein Gesicht und meinen Körper, der vor Anstrengung glühte.
»Wo steht euer Zelt?«, fragte er.
»In dem Steinbruch da hinten, am Fuße der Klippe.«
Ich zeigte in die Richtung. Die Stelle, die ich meinte, war von hier aus nicht zu sehen; dazwischen lagen eine Schreinerei, ein im Bau befindliches Schiff und eine ganze Siedlung. Es war noch immer überall ruhig, die Leute hatten den Schatten aufgesucht, den sie mit den Tieren teilten.
»Woher soll ich wissen, dass dein Vater zurück ist? Woher weiß ich, ob ihr nicht plötzlich verschwindet, ohne eine Spur zu hinterlassen?«
»Das weißt du, weil dann die Sterne wandern«, sagte ich,
»weil der Mond fällt und die Erde bebt.«
Er lachte nicht, er schien mir auch nicht zu der Sorte Jungen zu gehören, die viel lachte.
»Du nimmst mich nicht ernst.«
»Willst du, dass ich dir ein Versprechen gebe?«, fragte ich.
»Was sind eure Versprechen denn wert? Dein Vater hat seines gleich gebrochen.«
»Du wirst es nicht wissen«, sagte ich, seine höhnische Bemerkung ignorierend,
»wir werden verschwinden wie Feuer unter einer Glocke.«
Ich schüttelte die Decke aus und breitete sie über meine Mutter. Auch sie hatte Vergnügen daran, wie ich den Jungen parierte, das sah ich an ihrem Auge.

Als hätte er vor, mir zu helfen, stand er auf. Ohne ein Wort zu sagen, ließ er den Mantel von seinen Schultern gleiten. Darunter trug er nur noch ein ärmelloses Hemd. Seine Bewegung verscheuchte die Bremsen, brummend flogen sie davon. Er warf seine Schuhe von sich und ging zum Wasser. Am Ufer zog er auch sein Hemd aus. Erstaunt starrte ich ihn an. Seine Haut war von einer Helligkeit, die ich an den Sümpfen nie gesehen hatte. Er war so hager, wie ich ihn mir vorgestellt hatte, mit langen Gliedern, die nur dünne, unversehrte Haut umgab. Er watete zu einer Stelle, die, wenn er sich ausstreckte, tief genug war, seinen Körper mit Wasser zu bedecken. Ich sah nur noch die blassen, glatten Schultern, über die die verfilzten Haare fielen.

Er blieb sehr lange im Wasser. Er sah mich an, während ich das Tuch, das ich beim Waschen benutzt hatte, im Tümpel ausspülte und zurücklief, zuerst aus den Augenwinkeln, dann mit dem Gesicht zu mir. Ich ging, wie Alem es mir beigebracht hatte, mit gestrecktem Rücken, das Kinn nach unten gedrückt. Nach einer Weile begriff ich, dass es nur so schien, als sähe er mich. In Wahrheit schaute er nach etwas anderem, nach einem Gedanken, einer Einsicht, so ätherisch wie ein Gott. Auch wenn ich nicht wusste, warum, spürte ich, dass er, indem er seinen Blick auf mir ruhen ließ, etwas begriff. Ich bot ihm eine Idee an, ich gab seinen Gedanken Form und Flügel. Doch irgendetwas stand im Weg, ich sah es daran, wie er, ohne die Wasseroberfläche zu kräuseln, wie jemand mit einem riesigen Hunger, auf seiner Backentasche kaute.
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