Anne Provoost
Rosalenas Spiegel
Altberliner Verlag, 2000


ERSTES KAPITEL

Wie ich geboren und von Elfen aufgefangen wurde, wie niemand glaubte, dass ich am Leben bliebe, über den wundersamen Spiegel, den meine Mutter von meinem Vater geschenkt bekam, und wie meine Mutter einige Zeit später starb.

Man sagt von mir, ich sei die schönste Frau der Welt. Ich habe rote Lippen, eine schneeweiße Haut und Hände gleich kostbaren Muscheln. In der Liebfrauenkirche stehen Heiligenbilder, die nach meinem Ebenbild geschaffen wurden. Die Leute denken, ich würde der Heiligen Jungfrau Maria ähneln, doch in Wahrheit ähnelt die Jungfrau mir; die Bildhauer haben es mir mit Tränen in den Augen gebeichtet. Ich bin nicht schön geboren. Meine Schönheit ist allmählich gekommen, während ich heranwuchs, und sie ist ein Verdienst der Elfen. Sie haben mich genährt und in ihre Obhut genommen. Da meine Schönheit eine Gabe von ihnen ist, kann ich mich nicht von ihr befreien. Sie umgibt mich wie ein Panzer. Einst war ich hässlich und unausgewachsen. Doch ich war unversehrt. Jetzt bin ich vollkommen, aber verletzt. Und ich kann nicht in den ursprünglichen Zustand zurück.

Die erste Frau, die mich sah, war meine Mutter und nicht die Hebamme Lucretia wie bei der Geburt meiner beiden Schwestern, denn sie war schon aus dem Zimmer geflohen, sobald mein Kopf erschien. Schuldbewusst strich Lucretia durch den Vorgarten und jedes Mal, wenn sie kurz zurückkam und ins Schlafzimmer spähte, jagte meine Mutter sie fort. Sonst war niemand im Haus. Meine Schwestern waren zum Fluss geschickt worden und meine Eltern hatten nie viele Dienstboten. Obwohl mich meine Mutter in dem Augenblick noch nicht sehen konnte, wusste sie, dass etwas nicht stimmte. Lucretia, die sie kannte, der sei dankbar war und die sie als gute Freundin betrachtete, sollte so weit wie möglich von ihr fernbleiben. Eine Missgeburt würde Schläge zur Folge haben, eine schwere Missgeburt eine Gefängnisstrafe und das Ende ihrer Laufbahn als Hebamme.

Das Kind konnte nicht ausgewachsen sein. Es hatte noch Wochen in ihrem Körper gut. Meine Mutter ließ es deshalb ohne große Sorgfalt zwischen ihren Beinen auf den Steinboden gleiten. Es waren die Elfen, die mich, wie gewöhnlich mit eingezogenen Köpfen und lachenden Gesichtern auf den Fliesen sitzend, auffingen.

Aus irgendeinem Grund wurde ich mit einem Herzen voll Angst geboren. Sobald mich die Elfen berührten, wusste ich, warum: Meine Gaben würden sich eines Tages gegen mich kehren. Als ich ihre dünnen, klebrigen Finger auf meiner Haut spürte, begann ich augenblicklich, untröstlich zu weinen. Nicht, weil mich mein Fall erschreckt hatte. Ich weinte wegen des Schmerzes, der kommen würde. Meine Mutter richtete sich mit letzter Kraft auf, um mich anzusehen. Lucretias in Kräuter getränkte Kompressen rutschten von ihren Brustwarzen und sie schob sie nicht zurück, da sie sicher war, dass sie diesmal keine Milch brauchen würde. Zu ihrem Erstaunen stellte sie jedoch fest, dass ich mit allem Nötigen versehen war. Wie jedes Kind hatte ich Arme, Beine, einen Rumpf und einen Kopf. Mein Kopf war rund und makellos. Ich hatte Augen und Ohren. Sie erholte sich etwas, und während sie schmatzende Laute machte, entriss sie mich mit der Entschlossenheit einer Mutter den Fliesenelfen. Die Elfen betrachteten ihre leeren Hände und kauerten sich kichernd zusammen. "Ein Mädchen", sagte meine Mutter. Sie hatte schon zwei. Auf ein drittes hätte sie wohl verzichten können. Ich war natürlich nicht voll entwickelt. Erst als sie mit einem Zipfel ihres Unterkleids das Blut von meinem Gesicht und meinem Körper wischte, sah sie, was nicht stimmte. Dennoch ließ sie mich nicht voll Abscheu fallen. Vielmehr beugte sie sich noch näher über mich, um mich zu betrachten. Sie fand mich interessant. Die Elfen auf dem Boden reckten die Hälse, um mitzuschauen.

„Lucretia!“, rief sie. Die brave Frau kam zitternd wie Espenlaub herein. In den Händen hielt sie eine Tonschale mit Scheldewasser, um mich zu taufen, bevor es zu spät war. An ihren Handgelenken klebte noch das Blut von Orlinde, der Nachbarin am Ende des Weges, die am selben Morgen ein gesundes, uneheliches Mädchen geboren hatte. Als hätte sie Angst vor Ansteckung, blieb sie weit von mir entfernt stehen. Doch wie meine Mutter war auch sie neugierig. Sie kam näher, um mich zu berühren und festzustellen, ob ich echt war. Ich war unausgewachsen, klein und leicht wie ein Vogel, aber ich bewegte mich und sog schreiend die erste Luft in meine winzigen Lungen ein. Ich war so echt, wie es nur ging. Nur war ich durchsichtig. Als meine Mutter mich gegen das Sonnenlicht hielt, fielen die Strahlen milchweiß durch mich hindurch. Dort, wo meine Knochen waren, sah man dunkle Schatten. Lucretia hatte die Missbildung schon bemerkt, als mein Kopf gerade erst den Ringmuskel meiner Mutter passiert hatte. Sie hatte die Schädeldecke gesehen und geglaubt, ich würde ohne Haut geboren werden.

Ich hatte rot geschwollene Lider und dahinter graue Augen, die meine Mutter vom Moment meiner Geburt an als die Erste, die Lebensspenderin, erkannten. Ich erkannte ihre Stimme; aus der Tiefe ihres Bauches hatte ich sie reden, singen und mit meinen älteren Schwestern schimpfen hören. Ich war an ihre gelispelten S und die tiefen, fast tonlosen Vokale gewöhnt. Als meine Schwestern kurz darauf hereingerufen wurden und sich mit kleinen Mündern und großen Augen über mich beugten, erkannte ich sowohl Idelies' schrille als auch Richenels melodiösere, etwas ältere Stimme. Ihre Gesichter waren mir jedoch genauso fremd wie das irgendeines unbekannten Kindes aus der Stadt. Später sollte ich feststellen, dass sie meinem Vater ähnelten. Ich hörte sie beide aufgeregt rufen und begriff schließlich, dass es nicht aus Aufregung über meine Ankunft war, sondern weil sie den Schatten eines Kauzes in der Eiche am Wegrand gesehen hatten. Meine Mutter hob mich hoch, bekreuzigte sich und schaute nach draußen. Hoch oben in der Krone sah sie tatsächlich einen kaum wahrnehmbaren braunen Vogel, der dort so reglos saß, als hätte er vor, sehr lange zu bleiben.

„Ist er gekommen, um sie zu holen?“, fragte Richenel, während sie auf und ab hüpfte. „Ich weiß es nicht“, sagte meine Mutter. „Vielleicht findet er sie ja nicht.“ Sie legte mich in die kleine Nussholzkiste, in der sie ihren Schmuck aufbewahrte, und verteilte lose Schafwolle um mich herum. Die Kiste stellte sie auf die warmen Steine vor dem Kaminfeuer. Ich hatte keinen Saugreflex. Ihre Brust verweigerte ich. Sie fütterte mich, indem sie den Zipfel eines Leinentuchs mit Milch tränkte und anschließend über meinem gähnenden Mund ausdrückte. Es waren jedoch nicht diese spärlichen Tropfen, die mich am Leben hielten, sondern die Schweinemilch, die die Elfen nachts aus ihrem Mund in meinen spritzten. Ein paar Tage später kam die Nachricht, dass das Kind unserer Nachbarin Orlinde gestorben sei. Der Kauz in der Eiche war verschwunden.

Ich wurde an einem Fluss namens Schelde geboren, der die Grenze zwischen hier und drüben bildete. Drüben war die Stadt Antwerpen im Herzogtum Brabant. Hier war Flandern. Viele Jahre blieb Flandern für mich nur ein dichter Wald, der hinter mir lag und nichts als Geister, Sümpfe und Irrlichter beherbergte. Wir beachteten ihn nicht. Unsere Augen waren gen Osten gerichtet, zum Fluss, auf dem die Hansekoggen fuhren. Morgens sahen wir die Sonne hinter der gezackten Silhouette der Stadt aufgehen: die Liebfrauenkirche, der Fischhändler- und der Bäckerturm, weiter im Süden die Sint-Michielsabtei und die Caloeshügel, im Norden die Mühlen auf dem Stuivenberg. Die Stadt war von uns nicht nur durch das Wasser getrennt, sondern auch durch eine Mauer mit sieben Toren und verschiedenen Durchlässen für die Kanäle. Als Kind ließ mich die Aussicht auf die unübersichtliche, fremde Stadt schnelle Gebete aufsagen, die ich meine Mutter hatte murmeln hören, wenn es stürmte oder donnerte.

Mein Vater sah mich zum ersten Mal, als ich ein paar Wochen alt war. Er kam von einer nervenaufreibenden Handelsreise aus England zurück, wo er über die Preise von Blei, Zinn, Korn und Wolle verhandelt hatte. Kurz vor seiner Heimkehr hatte mich meine Mutter längere Zeit mit einem rauen Tuch abgerieben und in einen Eimer kaltes Wasser getaucht, sodass das Blut in meinen Adern schneller strömte und ich eher rot als durchsichtig war.

„Ein Mädchen“, sagte er mit derselben Gelassenheit wie meine Mutter. Er war immer davon ausgegangen, dass er nie einen Sohn haben würde, und meine Ankunft beruhigte ihn, weil es sein Schicksal bestätigte. Als er über den Rand meiner Wiege schaute, bemerkte ich sofort das braune Geburtsmal in seinem Gesicht. Er war gezeichnet. Später sollte ich erfahren, dass das Muttermal auf seiner Wange nichts war im Vergleich zu dem anderen auf seiner linken Schulter. Letzteres war nach den Erzählungen meiner Mutter so groß wie eine Kinderhand; ich selbst habe es nie gesehen, da mein unendlich einsamer Vater alles tat, um sein Stigma vor der Welt zu verbergen. Wegen dieser beiden Flecken - der eine bescheiden in seinem Gesicht, der andere üppig und bösartig, doch versteckt unter seinen Kleidern - benahm er sich wie ein Mann, der ausersehen war. Er hatte nicht herausfinden können, ob es ein Zeichen Gottes oder des Teufels war, und da er keinen Aufschluss darüber hatte, ging er lieber sicher und entwickelte sich zum gerechtesten Mann, der sich durch unsere Wälder, Felder und Städte bewegte.

Er hatte die vergangenen Tage im Hafen verbracht, wo er die eingekauften Wollballen für einen anständigen Preis gehandelt und von Trägern, die abends einen respektablen Lohn mit nach Hause nahmen, hatte transportieren lassen. In seinem Streben nach Gerechtigkeit hatte er bei seiner Heimkehr nicht nur ein Geschenk für meine Mutter und meine beiden Schwestern dabei, sondern auch für mich, das Kind, von dem er nur hatte vermuten können, dass es inzwischen geboren sein und leben würde. Es war ein kleiner Handspiegel. Er hatte einen Griff mit eingelegtem Schmuck aus geschliffenem Glas und die Rückseite war mit zierlichen Vögeln bemalt. Er hielt den Spiegel vor mich hin, während er leise gurrte und immer wieder sagte: "Sieh her, schau das Kind an." Ich hatte keine Zeit, mich zu fragen, ob ich seine Stimme irgendwoher kannte. Zum ersten Mal sah ich mich selbst. Ich erschrak so heftig vor dem fast blauen Gesicht, durch das der Schädel wie eine grinsende Grimasse hindurchschien, dass ich anfing zu weinen und die ganze Milch, die ich im Magen hatte, wieder erbrach. Die starken Hände meines Vaters nahmen mich aus der Schafwolle. Ich stellte ihn vor ein großes Problem. Er konnte mir sofort ansehen, dass ich bald sterben würde; in meinen Adern floss kaum Blut, meine Haut war grünlich und ich hatte den zarten Körperbau eines Vogels. Er wusste, dass er mir nie das würde geben können, was er seinen anderen Kindern gab, aus dem einfachen Grund, weil er keine Zeit dazu bekommen würde, und das fand er so ungerecht, dass ihn die Erkenntnis körperlich schmerzte. Er dachte an die vielen Porzellanpuppen und vergoldeten Döschen, die er meinen Schwestern im Laufe der Jahre geschenkt hatte, und versprach mir mit beruhigender Stimme, dass er bei meinem Tod für einen Sarg aus teurem Espenholz mit Goldbeschlag und ein Bett aus Entendaunen und Seide sorgen würde, um mich für alles, was ich in meinem Leben nie bekommen würde, zu entschädigen.

Als meine Mutter merkte, dass er mir ins Ohr flüsterte anstatt die saure Milch, die an meinem Hals hinunterlief, wegzuwischen, nahm sie mich ihm ab. Schweigend sah er zu, wie sie mich sauber machte. Er betrachtete mein Gesicht und die geschwollenen Augen, die sich ab und zu weit öffneten und dann wieder ergeben schlossen. Nach einer Weile berührte er mit einem seiner breiten Finger meine Wange. „Es hätte so schön sein können“, sagte er heiser, „dieses Mädchen-aus-Glas.“

Ich wuchs in Zeiten von Armut und Hungersnot auf. Ich merkte kaum etwas davon, doch man erzählte sich, in Antwerpen würden die Leute Ratten essen. Mein Vater war ein Geschäftsmann mit gutem Auskommen. Alle paar Wochen bestieg er die Fähre und blieb manchmal monatelang von zu Hause fort. Er kaufte Waren, die man hier nicht bekam, Gewürze und Weine, doch vor allem kostbare Stoffe und ab und zu Schmuck. Anschließend machte er sich auf die Suche nach einem Schiff, das sie nach Antwerpen bringen konnte. Er verhandelte mit dem Kapitän des Schiffes, ließ es auslaufen und kehrte nach Hause zurück, nicht ohne für jede von uns ein Geschenk in der weiten Satteltasche seines Pferdes zu haben.

Drei Jahre nach meiner Geburt bekam meine Mutter einen Spiegel, der so groß war, dass sie ihr ganzes Gesicht darin sehen konnte. Meine Mutter war eine schöne Frau. Sie wusste es nicht und mit seinem Geschenk versuchte mein Vater, es ihr zu zeigen. Der Gestalter des Spiegels hatte unbeschreiblich viel Mühe auf den Rahmen verwendet. Er war aus einem harten Holz mit tiefem Glanz geschnitzt und wellte sich so natürlich, dass es aussah, als würde nicht nur das Widergespiegelte, sondern auch der Spiegel leben und sich bewegen. Für Richenel hatte er ein fachkundig geschliffenes Schauglas mitgebracht, durch das alles viel größer schien, als es in Wirklichkeit war. Sie schrie vor Angst auf, als sie es auf vorbeikriechendes Ungeziefer richtete. Idelies bekam ein Porzellandöschen in einem Döschen, das so fein mit Blumen bemalt war, dass die Vermutung aufkam, der Maler habe einen einhaarigen Pinsel benutzt. Ich selbst erhielt schließlich drei silberne Glocken unterschiedlicher Größe. Obwohl ich noch sehr jung war, begriff ich sofort, warum es drei waren: Wenn ich starb, würde es meinem Vater so nicht schwer fallen, die Dinge, die ich hinterließ, gerecht zu verteilen. Jeder würde eine Glocke erben, meine Mutter die größte.

Meine Schwestern verstanden die Beweggründe meines Vaters nicht. Als wir allein waren, zogen sie mich an den Haaren und sagten: „Du mit deinem hässlichen, durchsichtigen Kopf, du hast mehr bekommen.“ Sie packten mich und zerrten mich vor den Spiegel im Schlafzimmer meiner Mutter, damit ich selbst sah, wie abstoßend ich war. Ich erschrak jedoch längst nicht mehr vor meinem Anblick. Dank des Handspiegels, den ich bei meiner Geburt bekommen hatte, war ich an mein seltsames, gläsernes Gesicht gewöhnt. Um mich gegen ihre kleinen Schikanen zu schützen, lernte ich, durch den Spiegel hindurchzuschauen. Sie zwangen mich, mich auf den niedrigen Frisierstuhl meiner Mutter zu setzen, und hielten mein Gesicht zwischen ihre Hände geklemmt, sodass ich hinsehen musste. Einen kurzen Moment sah ich mich selbst, meine tief liegenden Augen und meinen schmalen Mund, und links und rechts davon meine grinsenden Schwestern, doch schon bald verschwand das Bild. Was ich dann innerhalb des edlen Rahmens erblickte, war ein Wald voll hoher, wogender Laubbäume, durch den ein morastiger Weg führte. Tagelang begriff ich nicht, was das Bild zu bedeuten hatte, bis ich eines Abends wieder vor dem Spiegel saß und ganz am Ende des Weges einen Mann auf einem Pferd auftauchen sah. Ich blieb reglos sitzen und wartete, bis er näher gekommen war. Es war neblig und die Dämmerung brach herein, sodass einen die Erscheinung eher an einen Geist als an ein Lebewesen erinnerte. Es war kalt und der Mann hatte sich in einen weiten Mantel gehüllt, der über die Flanken seines Pferdes fiel. Erst als er dicht vor mir stand und den ganzen Spiegel füllte, sah ich das Muttermal auf seiner Wange.

„Vater“, murmelte ich. Meine Schwestern stießen mich höhnend vom Stuhl. Sie jagten mich aus dem Zimmer und warfen mir Nussschalen an den Kopf. Ich zog mich in eine Küchenecke zurück und blieb dort wie ein schlafender Vogel sitzen. An den schalkhaften Augen der Fliesenelfen sah ich, dass sie wussten, was ich in dem Spiegel gesehen hatte.

Ich erzählte niemandem von dem Vorfall. Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen gelang es mir, ohne fremde Hilfe die Tür zum Schlafzimmer meiner Mutter zu öffnen und auf den Frisierstuhl zu klettern. Manchmal fand meine Mutter mich dort abends mit dem Kopf auf der Brust und den Armen schlaff neben dem Körper. Ich war beim Anblick der trägen Bilder von der weiten Reise meines Vaters eingeschlafen. Ich hatte ihn über Gräben setzen und über Felder galoppieren sehen. Ich hatte die lockenden Bewegungen der Irrlichter im Uferschilf verfolgt und die Baumgeister in den Zweigen der Eschen und Kastanien miteinander reden hören. Ich hatte gesehen, wie es dunkel wurde. Als ich wusste, dass mein Vater eine Herberge mit einem Bett aus Stroh und einer Schüssel Wasser auf dem Waschtisch gefunden hatte, war ich eingeschlummert. Meine Mutter hob mich hoch und legte mich dorthin, wo ich hingehörte, in das kurze Bett auf dem Dachboden, zwischen meine beiden Schwestern, damit ich warm blieb und nicht herausfiel.

„Vater kommt nach Hause“, sagte ich eines Morgens zu meiner Mutter, die den Brei für mich rührte, bis er etwas abgekühlt war. „Den Schiffer, den er suchte, hat er nicht gefunden.“ Sie strich mir mit ihren schwieligen Fingern durch die Haare und gab mir einen Holzlöffel. „Sei still und iss“, sagte sie, „damit du schön rund wirst.“ Doch wie gewöhnlich aß ich nicht. Ich hustete und brach zusammen, wenn ich aus dem Haus sollte, um Reisig zu sammeln, etwas, das meine Mutter nicht verstehen konnte, da ich, den Löchern in ihrem Gebiss nach zu urteilen, von ihr genügend Kalk mitbekommen hatte.

Am selben Abend kehrte mein Vater mit leeren Händen und viele Tage früher als erwartet zurück. Seitdem folgte ich ihm auf seinen weiten Reisen. „Was für ein eitler Fratz!“, riefen meine Schwestern, als sie mich wieder vor dem Spiegel fanden.

„Das macht sie, weil sie sehen will, dass sie noch existiert“, sagte meine Mutter mit erstickter Stimme. Sie gab mir nicht mehr lange. Lucretia sagte, meine Leber würde nicht genug Blut speichern. Die Blutarmut ersparte mir die Aderlässe, die meine beiden Schwestern bei jeder Kinderkrankheit schreiend über sich ergehen lassen mussten. Sie fanden es nicht gerecht. Sie beneideten mich um die wöchentlichen Einläufe, die mir einen frischeren Teint geben sollten. Als sie mich nur schwächten, beschloss Lucretia, ihre Klistierspritze zu Hause zu lassen und meinen Körper in die Hände der Natur zu legen. Ich war so mager und zerbrechlich, dass meine Mutter mich kaum noch anzufassen wagte. Mitten in der Nacht beugte sie sich über Richenel um zu fühlen, ob ich noch lebte. Sie küsste mich nicht mehr; sie nahm langsam Abschied von mir.

Meine Schwestern kamen mit der Nachricht, sie hätten den Kauz gesehen. Er schien sich regelmäßig in den Bäumen vor unserem Haus niederzulassen. Sie wurden auf der Stelle ganz besorgt, fragten, ob ich ihr Süßholz wolle, und lagen nachts ganz nah bei mir um mich zu wärmen.

Doch ich starb nicht.

Es war meine Mutter, die starb. Sie bekam den Sarg aus Espenholz mit dem Goldbeschlag, den Daunen und der Seide, den mir mein Vater bei meiner Geburt versprochen hatte. Lucretia war noch gekommen, als sie Blut spuckte. Ich war dabei, als sie meine fantasierende Mutter auszog und mit nassen Kompressen bedeckte. Sie machte ihre Kräuteraufgüsse in der Küche und ließ sie im Keller abkühlen. Obwohl sie jünger war als meine Mutter, schlurfte sie wie eine alte Frau tastend die Treppen hoch; ihre Augen waren damals schon von dem Geschwür angegriffen, durch das sie später erblinden sollte. Die Elfen auf dem Boden setzten sich absichtlich vor ihre Füße, fühlten sich aber schuldig und sprangen im letzten Moment weg.

Ich blieb bis zum Ende am Bett meiner Mutter sitzen. Hinter ihr befand sich ihr Spiegel, der das Bild ihres gepeinigten, nackten Körpers zurückwarf. Ich betrachtete ihre Brüste und vor allem ihren Nabel. Es war die Stelle ihres Körpers, die sie mit ihrer Mutter verbunden hatte, so wie ich mit ihr verbunden gewesen war. Ihr Todeskampf dauerte mehrere Tage. Am Ende konnte sie kein Licht mehr vertragen. Sie verlor das Sprechvermögen und ihre Glieder wurden taub. Die spitzen Gegenstände, die Lucretia in ihre Haut drückte, spürte sie nicht mehr. Ihre Hände und Füße waren schon kalt, bevor sie aufhörte zu atmen.

Nach ihrem Tod war sie nie weit weg. Der Gedanke, dass Leben und Sterben die zwei Beine sind, auf denen sich die Welt fortbewegt, war mir sehr früh mitgegeben worden. Meine Umwelt behandelte mich noch immer als 'das Kind, das es nicht mehr lange machen würde' und schlechte Omen stellten für mich keine Bedrohung dar. Ich befand mich in der Grauzone, in der Lebende und Tote miteinander reden wie kleine Kinder mit Schwachsinnigen und Hunde mit Pferden. Es verwunderte mich deshalb auch nicht, dass sie am Tag nach ihrer Beerdigung schon wieder dastand, in Grau gehüllt und mit unhörbarer Stimme. Ich ging durch sie hindurch und stellte Kerzen in ihren Bauch. Sie war geduldig mit mir. Der Lärm, den ich machte, schien sie jetzt, wo sie tot war, nicht zu kümmern. Sie verrichtete die Arbeiten, die ich sie mein Leben lang jeden Tag hatte tun sehen: Sie stellte die Stühle um, fegte den Boden, schnitt das Brot. Die Elfen wiesen ihr einen Platz zu, an dem sie sich ausruhen konnte, wenn es nötig war, doch sie machte keinen Gebrauch davon. Wie zu Lebzeiten blieb sie auf den Beinen, auch wenn alle im Haus schon schliefen.
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© Übersetzung Schmidt ; modified: