Annie M.G. Schmidt
Die geheimnisvolle Minusch
Verlag Friedrich Oetinger, 2003


Gibt‘s denn nirgends Neuigkeiten?

Tibbe! Wo ist Tibbe? Hat jemand Tibbe gesehen? Er soll zum Chef kommen. Wo ist er denn bloß! Tibbe!!
Tibbe hatte es schon gehört. Doch er hatte sich hinter seinem Schreibtisch verkrochen. Und da hockte er jetzt zitternd und dachte: Ich will nicht zum Chef. Ich trau mich nicht. Ich weiß genau, was passiert. Diesmal werde ich gefeuert.
Tibbe! Ach, hier bist du!
Zu spät, sie hatten ihn gesehen.
Du sollst sofort zum Chef kommen, Tibbe.
Jetzt war nichts mehr zu ändern. Er musste gehen.
Und mit hängendem Kopf schlich Tibbe über den Flur zu der Tür mit dem Schild: Chefredakteur.
Er klopfte. Eine Stimme sagte: „Ja.“
Als Tibbe eintrat, telefonierte sein Chef. Er zeigte auf einen Stuhl, ohne das Gespräch zu unterbrechen.
Tibbe setzte sich und wartete.
Sie befanden sich im Gebäude des Killstädter Kuriers, der Zeitung, bei der Tibbe arbeitete.
„So“, sagte der Chefredakteur, während er den Hörer auflegte. „Ich wollte mich mal ernsthaft mit dir unterhalten, Tibbe.“
Jetzt kommt’s, dachte Tibbe.
„Die Artikel, die du schreibst, sind ja ganz nett, Tibbe. Manchmal sogar ganz besonders nett.“
Tibbe lächelte. Vielleicht war ja alles halb so schlimm.
„Aber …“
Tibbe wartete geduldig. Natürlich gab es ein Aber. Sonst säße er nicht hier.
„Aber … es steht nie eine Neuigkeit drin. Ich hab‘s dir schon so oft gesagt. Deine Artikel handeln nur von Katzen.“
Tibbe schwieg. Es stimmte. Er liebte Katzen. Er kannte sämtliche Katzen in seinem Viertel. Er hatte selbst eine.
„Aber gestern habe ich einen Artikel geschrieben, der handelte überhaupt nicht von Katzen“, sagte er. „Er handelte vom Frühling.“
„Richtig“, sagte der Chef. „Vom Frühling. Von den Blättern, die wieder an den Bäumen sprießen. Ist das etwa eine Neuigkeit?“
„Ach, na ja … schließlich sind es neue Blätter“, antwortete Tibbe.
Der Chef seufzte. „Hör mal zu, Tibbe“, sagte er. „Ich mag dich wirklich gern. Du bist ein netter Junge und du kannst gut schreiben.
Aber wir arbeiten hier bei einer Zeitung. Und eine Zeitung muss Neuigkeiten bringen.“
„Aber es stehen doch schon so viele Neuigkeiten drin“, sagte Tibbe. „Kriege und so. Und Morde. Ich dachte, es wäre für die Leute ganz schön, auch mal was über Katzen und Blätter zu lesen.“
„Nein, Tibbe. Versteh mich richtig, du brauchst nichts über Morde und Banküberfälle zu schreiben. In einer kleinen Stadt wie unserer gibt es genug harmlose kleine Neuigkeiten. Man muss nur wissen, wo man sie findet. Aber du bist einfach zu schüchtern. Du traust dich nicht die Leute anzusprechen. Du traust dich nicht sie etwas zu fragen. Offenbar hast du nur Kontakt zu Katzen.“
Wieder schwieg Tibbe, denn es stimmte. Er war schüchtern. Und wenn man bei einer Zeitung arbeitet, darf man nicht schüchtern sein. Dann muss man sich gerade trauen andere Leute anzusprechen. Man muss sich trauen zum Minister zu gehen, auch wenn er gerade in der Wanne sitzt. Und tapfer fragen: „Erzählen Sie mal, was haben Sie heute Nacht gemacht?“
Ein guter Zeitungsmann traut sich das. Tibbe nicht.
„Nun gut“, sagte der Chefredakteur. „Ich gebe dir noch eine Chance. Von jetzt an schreibst du Artikel, in denen etwas Neues steht. Morgen Nachmittag bekomme ich den ersten. Und danach ein paar pro Woche. Und wenn das nicht klappt …“
Tibbe verstand. Dann war er seinen Job los.
„Auf Wiedersehen, Tibbe.“
„Auf Wiedersehen, Herr Jansen.“
Und nun lief er durch die Straßen. Es regnete ein bisschen und alles war grau. Tibbe schlenderte durch die Stadt. Er sah sich überall um und hielt die Augen offen. Wo gab es Neuigkeiten?
Autos sah er. Fahrende Autos, parkende Autos. Ein paar Fußgänger und hier und da eine Katze. Doch er durfte nicht mehr über Katzen schreiben. Schließlich setzte er sich todmüde auf eine Bank am Marktplatz, unter einen Baum, unter dem es noch trocken war. Auf der Bank saß schon jemand. Und jetzt sah Tibbe, wer es war. Sein früherer Lehrer, Herr Schmitt.
„Hallo, Tibbe“, sagte Herr Schmitt. „Schön, dich mal wieder zu sehen. Wie ich gehört habe, arbeitest du jetzt als Reporter. Na, ich hab mir immer schon gedacht, dass du mal bei der Zeitung landest. Läuft sicher prima, was?“
Tibbe schluckte mühsam und sagte: „Ganz gut, ja.“
„In der Schule hast du schon immer so hervorragende Aufsätze geschrieben“, fuhr Herr Schmitt fort. „Da hab ich mir schon gedacht, dass du es mal weit bringst. Ja, du schreibst wirklich ausgezeichnet.“
„Haben Sie nichts Neues zu erzählen?“, fragte Tibbe.
Herr Schmitt sah ihn leicht beleidigt an. „Bist du inzwischen so eingebildet?“, fragte er. „Wenn ich zu dir sage: Du schreibst ausgezeichnet, dann fragst du: Haben Sie nichts Neues zu erzählen? Das ist nicht nett von dir.“
„Aber so habe ich es doch gar nicht gemeint“, rief Tibbe mit roten Ohren. Er wollte erklären, wie er es gemeint hatte, als plötzlich wütendes Gebell erklang. Sie schauten beide hoch. Ein großer Schäferhund rannte wie ein Verrückter hinter etwas her. Sie konnten nicht richtig erkennen, was dieses Etwas war. Es verschwand zwischen den parkenden Autos und kurz darauf hörten sie heftiges Geraschel in der hohen Ulme am Wegrand.
„Eine Katze“, sagte Herr Schmitt. „Eine Katze ist auf den Baum geklettert.“
„War es überhaupt eine Katze?“, fragte Tibbe. „Es war so groß. Und es flatterte ein bisschen. Es sah eher wie ein großer Vogel aus. Ein Storch oder so.“
„Es gibt keine rennenden Störche“, sagte Herr Schmitt.
„Nein, aber es flatterte. Welche Katze flattert denn?“
Sie gingen hin und schauten nach.
Der Hund stand unter dem Baum und bellte wütend nach oben.
Sie versuchten zu erkennen, was da zwischen den Zweigen saß. Aber die Katze saß ganz versteckt. Wenn es eine Katze war.
„Hierher, Mars!“ Der Hund wurde gerufen „Mars! Komm sofort her!“
Ein Mann mit einer Hundeleine kam angelaufen. Er befestigte die Leine am Halsband und zog.
Grrr…, machte Mars. Er ließ sich mit steifen Beinen über den Asphalt schleifen. Tibbe und Herr Schmitt blieben noch einen Augenblick stehen und starrten in die Ulme. Und jetzt sahen sie etwas ganz weit oben zwischen den neuen Blättern.
Ein Bein. Ein Bein mit Nylonstrumpf und elegantem Schuh.
„Du lieber Himmel, es ist eine Dame“, sagte Herr Schmitt.
„Wie ist das nur möglich!“, rief Tibbe. „Und so weit oben. Wie ist sie da nur so schnell raufgekommen?“
Jetzt kam auch ein Kopf zum Vorschein. Ein Kopf mit großen, ängstlichen Augen und einer Menge roter Haare.
„Ist er weg?“, rief der Kopf.
„Er ist weg! Sie können wieder runterkommen!“, rief Tibbe.
„Ich trau mich nicht“, jammerte die Dame. „Es ist so hoch.“
Tibbe schaute sich um. In der Nähe stand ein Lieferwagen.
Vorsichtig kletterte er auf das Autodach und streckte seine Hand so weit wie möglich aus. Die junge Dame kroch auf allen vieren zum Ende ihres Asts. Dann ließ sie sich auf einen Ast darunter sinken und griff nach Tibbes Hand.
Und jetzt war sie auf einmal mächtig gelenkig. Mit einem Sprung stand sie auf dem Wagendach und mit einem weiteren auf der Straße.
„Mein Koffer ist runtergefallen“, sagte sie. „Liegt er hier noch irgendwo?“
Er lag im Rinnstein. Herr Schmitt hob ihn für sie auf.
„Bitte“, sagte er. „Und Ihr Kostüm ist etwas schmutzig geworden.“
Die Dame klopfte sich den Staub und die Blätter vom Rock und sagte: „Es war aber auch so ein großer Hund … Ich kann nichts dagegen machen, aber wenn ein Hund angelaufen kommt, muss ich einfach auf einen Baum klettern. Vielen Dank für Ihre Hilfe.“
Tibbe wollte sie zurückhalten und etwas fragen, denn plötzlich dachte er an seinen Artikel. Das war doch wohl etwas Besonders, über das man schreiben konnte.
Doch er zögerte einen Augenblick zu lange. Er war wieder zu schüchtern. Und da ging sie mit ihrem Koffer.
„Was für eine merkwürdige Dame“, sagte Herr Schmitt. „Sie hatte Ähnlichkeit mit einer Katze.“
„Ja“, sagte Tibbe. „Unheimliche Ähnlichkeit mit einer Katze.“
Sie schauten ihr nach. Jetzt verschwand sie um die Straßenecke.
Ich kann sie noch einholen, dachte Tibbe. Er ließ Herrn Schmitt stehen ohne sich von ihm zu verabschieden und rannte in die Straße, in der die Dame gerade verschwunden war. Da ging sie noch. Er würde sie fragen: „Entschuldigen Sie, wie kommt es, dass Sie solche Angst vor Hunden haben, und wie können Sie so schnell auf einen Baum klettern?“ Doch plötzlich sah er sie nicht mehr.
War sie irgendwo hineingegangen? Aber gerade in diesem Teil der Straße gab es keine Häuser mit Türen. Nur einen langen Zaun mit einem Garten dahinter. Und in dem Zaun gab es kein Tor; sie musste zwischen den Gitterstäben hindurch gekrochen sein. Tibbe spähte durch den Zaun in den Garten. Rasen und Sträucher. Aber keine Dame.
„Ach, sie ist natürlich doch durch irgendeine Tür gegangen“, sagte Tibbe. „Ich hab nicht richtig geguckt. Und es regnet immer mehr. Ich geh nach Hause.“
Unterwegs kaufte er zwei Bratfische und eine Tüte Birnen für sein Abendessen. Tibbe wohnte auf einem Dachboden. Es war ein sehr schöner Dachboden mit einem großen Zimmer, in dem er arbeitete und schlief. Außerdem gab es noch eine kleine Küche, ein winziges Badezimmer und eine Abstellecke. Er musste zwar viele Stufen steigen, doch wenn er einmal oben war, hatte er Aussicht auf eine Menge Dächer und Schornsteine. Sein großer grauer Kater Fluff wartete schon auf ihn.
„Du riechst den Fisch, was“, sagte Tibbe. „Na, komm mit in die Küche, dann essen wir ihn auf. Du bekommst auch einen ganzen, Fluff. Vielleicht war es ja das letzte Mal, dass ich welchen kaufen konnte. Denn morgen werde ich gefeuert, morgen flieg ich in hohem Bogen raus. Dann verdien ich keinen Cent mehr. Dann müssen wir zusammen betteln gehen.“
„Mriau“, machte Fluff.
„Es sei denn, ich kann heute Abend noch einen Artikel über irgendeine Neuigkeit schreiben“, fuhr Tibbe fort. „Aber dafür ist es jetzt zu spät.“
Er schnitt Brot und setzte Teewasser auf. Er aß in der Küche, zusammen mit Fluff.
Und danach setzte er sich an seine Schreibmaschine.
Vielleicht kann ich ja doch etwas über diese seltsame Dame schreiben, dachte er.
Und er fing an.

Gestern Nachmittag gegen fünf wurde auf dem Marktplatz eine junge Frau von einem Schäferhund verfolgt. In Panik kletterte sie auf eine der hohen Ulmen, bis hinauf in die Krone. Da sie sich anschließend nicht mehr nach unten traute, reichte ich ihr meine helfende Hand. Worauf sie weiterging und durch das Gitter eines Zauns in einen Garten kroch.

Tibbe las sich den Text noch einmal durch. Es war schon ein ziemlich kurzer Artikel. Und er hatte so das Gefühl, dass sein Chef sagen würde: „Er handelt ja wieder von einer Katze.“
Also noch mal von vorn. Aber erst ein Pfefferminzbonbon, dachte Tibbe. Dann kann ich besser arbeiten.
Er suchte auf seinem Schreibtisch nach der Bonbonrolle.
He, hatte gestern nicht noch eine dort gelegen? „Weißt du vielleicht, wo ich die Pfefferminzbonbons gelassen habe, Fluff?“
„Mro“, machte Fluff.
„Du weißt es also auch nicht. Was ist, willst du raus? Musst du wieder unbedingt aufs Dach?“
Tibbe öffnete das Fenster in der Küche und Fluff verschwand in der Dunkelheit über die Dächer.
Es regnete noch leise und ein kalter Windstoß fuhr ins Zimmer.
Tibbe ging zu seiner Schreibmaschine zurück. Er spannte ein neues Blatt ein und begann von vorn.
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