Kaat Vrancken
Anna und die Sache mit der Liebe
Fischer Schatzinsel, 1999


Zungenküsse

Vor Annas Haus ist ein Park.
Ein kleiner Stadtpark mit einem alten Baum. Anna sieht ihn vom Fenster aus. Eine große, dicke Buche ohne Blätter.
"Die Buche ist tot", sagt Papa. "Sie bekommt keine Blätter mehr."
Anna glaubt ihm nicht.
"Wenn die Buche steht, dann muss sie doch noch leben?"
Papa schüttelt den Kopf.

Im Park stehen auch zwei Bänke.
Auf der einen Bank sitzen alte Leute. Die unterhalten sich.
Auf der anderen Bank sitzen junge Leute. Die küssen sich.
Papa beobachtet sie manchmal. Die jungen Leute.
Anna auch. Sie stehen dann nebeneinander am Fenster.
Anna und Papa.

Der Junge, der so oft küsst, sitzt auf der Bank. Neben dem Mädchen mit den rotbraunen Haaren.
"Seine Freundin", sagt Anna.
"Ja", sagt Papa.
Ab und zu reden sie, aber meistens küssen sie sich.
"Wie machen sie das?", fragt Anna Papa.
"Was?"
"Das Küssen."
"Na ja", sagt Papa, "sie legen einfach die Lippen aneinander."
Anna runzelt die Stirn.
"Sie küssen sich ganz lange. So küssen wir uns nicht."
Mama setzt sich auf Papas Schreibtisch.
"Papa und ich schon. Manchmal."
"Ach ja?", fragt Papa.
Mama lacht Anna an.
"Es passiert mehr als nur die Lippen aneinanderlegen. Papa hat noch etwas vergessen."
"Was denn?", fragt Anna.
"Die Zungen. Die machen auch was."
Papa seufzt.
"Muss das jetzt wirklich sein?"
Anna schaut aus dem Fenster. Der Junge und das Mädchen küssen sich noch immer.
"Was machen die Zungen denn?"
"Die Zungen streicheln sich", sagt Mama geheimnisvoll.
Papa verdreht die Augen und guckt zur Decke. Anna lacht.
"Wirklich?"
Mama nickt.
"Nicht, Schatz, so geht es doch?"
"Ich verstehe nichts", sagt Anna. "Was machen die Zungen denn?"
"Die berühren und umkreisen sich", antwortet Mama. "Zungenkuss nennt man das."
"Jetzt gehst du zu weit", ruft Papa.
Mama kichert.
"Echt wahr, Zungenkuss", flüstert sie Anna zu.
Der Junge und das Mädchen küssen sich immer noch. Er hat den Kopf auf die Seite gelegt und streichelt die blonden Haare des Mädchens. Sie fallen offen auf ihre gelbe Jacke.
"Macht Zungenküssen Spaß?"
"Ich finde schon", sagt Mama und sieht Papa an. "Und du auch, nicht, Schatz?"
Papa schweigt.
"Nicht, Schatz?"
"... Ja ..."
"Darf ich das mal bei euch sehen? Aus der Nähe?"
"Natürlich." Mama zieht Papa am Arm. "Komm, Anna will es sehen."
"Ich rechne gerade was aus ..."
"Na los, tu's für deine Tochter."
Mama schlingt die Arme um seinen Hals und sie küssen sich. Mama streichelt Papas Kopf. So wie der Junge es bei dem Mädchen macht. Anna sieht aufmerksam zu. Dann hören sie auf.
"Das war zu schnell. Noch mal."
"Okay", sagt Mama.
"Okay", sagt Papa.
Und sie küssen sich noch mal.
"Aber ich seh nichts von den Zungen."
"Das passiert innen. In unserem Mund."
"Schade, dass ich das nicht sehen kann."
Mama nickt.
Anna geht zurück zum Fenster. Papa auch. Der Junge und das Mädchen küssen sich noch immer.
"Machen sie's immer noch?", fragt Mama.
Anna nickt begeistert.
"Die küssen sich viel länger als ihr."
"Die sind auch viel jünger", sagt Papa.
Anna runzelt die Stirn.
"Ich versteh nicht, was Papa meint."
"Ich auch nicht", sagt Mama.
"Da", ruft Papa, "sie hören auf."
Das Mädchen steht auf und dreht sich um. Sie sieht zu Annas Haus herüber.
Anna hält sich die Hand vor den Mund.
"Aber das ist nicht seine Freundin!"
Mama stützt sich auf Papas Schulter und schaut auch aus dem Fenster.
"Er hat eine neue Freundin."
Papa lächelt.
"Deshalb küssen sie sich so lange."
  ...


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© Übersetzung Schmidt ; modified: